Bersy CortezHier folgt nun der letzte Teil meiner Reihe über Tanzschulen, Tanzlehrer, Tanzschüler und das Erlernen der lateinamerikanischen Tänze. Danke an alle, die bisher durchgehalten haben und vor allem danke für das Feedback!

Dieser Artikel beschäftigt sich nun mit den Tanzlehrer selbst. Vorweg, jemand der einen Kurs gibt, kann sich gerne Kursleiter nennen und jeder hat das Recht dazu, es zu versuchen, sein Wissen weiterzugeben. Aber logischerweise hat auch nicht jeder die gleichen Qualifikationen, zu unterrichten.

Selbst in staatlichen Schulen, wo die Ausbildung von Lehrern viele Jahre dauert und schon vorher recht hohe Hürden gelegt sind, Lehrer zu werden, gibt es große Unterschiede hinsichtlich der Qualität der Lehrer, das weiß vermutlich jeder aus eigener Erfahrung. Wie sieht es dann um nicht ausgebildete "Hobby"-Lehrer und deren Qualifikation aus?


Bersy Cortez

Zugegeben, der Titel des Artikels ist dieses Mal etwas provokant und vermutlich werde ich auch einigen Lesern mit diesem Artikel etwas auf den Schlips treten (vor allem "Tanzlehrern", die nur gelegentlich unterrichten oder noch nicht so lange im Geschäft sind).
Meine Intention ist aber eine andere: Ich möchte auf ein Phänomen aufmerksam machen, welches oft mit einem bestimmten Persönlichkeitstyp verbunden ist. Letztlich geht es mir um mehr Qualität in Tanzkursen und weniger "Bla Bla" und eitles Vortäuschen von Qualifikationen, die vielleicht einfach nicht da sind.

Eines ist ganz klar: Wenn Laien unterrichten, muss dies nicht automatisch schlecht sein. Sie können sich selbst über viele Jahre fortgebildet haben und ihr (sofern vorhanden) hohes technisches und tänzerischen Können prima vermitteln. Aber ich wage es, die Frage in den Raum zu werfen, ob dies immer bei allen so ist?
Hat ein Kursleiter eine dauerhaft hohe Nachfrage an Kursen (trotz konkurrierender Kurse in der gleichen Stadt), dann ist dies schon Mal ein gutes Zeichen! Guten Tänzern sieht man ihr Können oft auch an und wenn sie dann die Gabe haben, es gut zu vermitteln, dann ist das schon viel Wert.

Was mich persönlich aber stört, dass es hin und wieder aber auch Zeitgenossen gibt, die Tanzunterricht geben, aber selbst nur geringe Qualifikationen haben, vielleicht selbst erst kurze Zeit tanzen, sich selbst und ihr Können kaum in Frage stellen, sondern vielleicht eher im Gegenteil auch noch mächtig über die Konkurrenz herziehen.

Ihre Kurse zeichnen sich dann meist durch geringe Teilnehmerzahlen aus und manch ein Teilnehmer wechselt nach den ersten Kursen zu anderen Tanzlehrern, da er oder sie sich bisher schlecht ausgebildet fühlt.
Leider ist es oft dann so, dass sich bei den jungen Kursteilnehmern schon böse Fehler eingeschlichen haben, die nun korrigiert werden müssten, was manchmal sehr schwer und zeitaufwändig ist, wenn sie überhaupt noch erkannt werden. Frustrierend ist es auf jeden Fall!

Unterricht beim Salsaevent Fulda (Bersy Cortez und Fadi Fusion)

Wann ist man ein Tanzlehrer? Welche Qualifikationen sollte man haben?

Der Beruf des Tanzlehrers setzt in Deutschland eine 3 jährige Ausbildung voraus, für die man je nach Ausbildungsschule / Universität Realschulabschluss oder Abitur braucht. Diese Ausbildung ist recht umfassend. Es werden viele Tanzstile wie Freier Tanz, "Klassischer Tanz", Jazztanz, tänzerische Folklore, Gemeinschaftstänze sowie Tänzerische Improvisation unterrichtet. Dazu kommen eine Ausbildung in Pädagogik, Gestaltung, Methodik und Didaktik. Abgerundet wird dies durch Fachwissen über die funktionelle Anatomie des Menschen sowie Wissen über Musik und Tanzgeschichte. Erst mit diesem Abschluss der Ausbildung ist man Tanzlehrer!
Wikipedia hat einen schönen Artikel dazu: Tanzlehrer

Alle anderen die unterrichten und sich Tanzlehrer nennen, müssen sich zumindest die Frage gefallen lassen, warum sie nicht einen anderen Namen für ihre Tätigkeit verwenden, denn eine gleichwertige Qualifikation haben sie mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht.

Übrigens: In Spanien dauert die vollständige Ausbildung, wenn man sie ganz bis zum Ende durchhält übrigens 14 Jahre. Die meisten beenden diese allerdings vorher, was durchaus auch so vorgesehen ist. Inhalte sind in Spanien dann ebenso Ballett und auch Flamenco, was beides sehr umfassende Tänze sind.

Bersy Cortez & Marven Bau 

 

Wie sieht es nun beim Salsa, Bachata und den anderen Latin-Tänzen aus?

Im Bereich des Salsa und Bachata gibt es sehr viel weniger professionelle Tanzlehrer als Laienlehrer. Das liegt auch in der Natur von Salsa und Bachata und dem Freizeitcharakter.Trotzdem gibt es viele nichtprofessionelle Tanzlehrer, die auf hohem Niveau sehr guten Unterricht geben.

Das gegenteil findet man gelegentlich aber auch! Ich  selbst wunderte mich schon manches Mal, wie beharrlich junge Tänzer, mit gerade mal 6-12 Monaten Erfahrung auf Anfänger beim Socialdance einreden und beim Tanzen dozieren und eine Erklärung nach der nächsten abgeben.
Böse gesagt: gerade erst ein paar Kurse gemacht und schon ist man selbst Tanzlehrer!

Es ist verständlich, wenn auch Laien, die selbst erst vor kurzer Zeit erst tanzen gelernt haben, nun dieses Wissen weitergeben möchten. Hier beginnt aber die Grauzone. Man findet nicht wenige, die unterrichten, aber kaum eine Ahnung vom Hintergrund dessen haben, was sie unterrichten. Historische Entwicklungen, Stilvarianten, aktuelle Entwicklungen, Trends sowie eine saubere Ausführung der Schritte und der Hände, exakter Stand sowie eine genaue Reproduzierbarkeit einer Figur sind hier dann oft nicht zu finden.

Wenn diese Laien dann schnell in eigenen Kursen das weitergeben, was sie selbst erst vor wenigen Monaten/Jahren gelernt haben, ist die Chance recht groß, dass sie weit unterhalb des Niveaus ihrer eigenen Lehrer bleiben. Zu viele Details und Erfahrungen und eigenes hart erarbeitetes Detailwissen fehlt. Methodik des Unterrichtens und das stückweise Erklären und Einüben von Abläufen können zu diesem Zeitpunkt bestenfalls mit ausreichendem Niveau vorliegen.
Oft merkt man diesen Lehrern an, dass sie beim Sprechen noch nicht einmal die eigene Atmung unter Kontrolle haben. Auch das Unterteilen von komplexen Abläufen in Einzelschritte und das genaue Wissen um exakte Schrittfolgen (z.B. beim Cross mit Drehungen usw.) liegt dann oft nicht vor. In solchen Kursen, aber auch auf Kongressen, habe ich dann schon solche "Experten" gesehen, die zum Beispiel konsequent die 1 und die 5 verwechseln, Begriffe falsch verwenden und Fehler bei den Schülern nicht erkennen.

Ist man dann trotzdem noch ein Tanzlehrer? Stellt man sich mit diesem Titel nicht vermeintlich auf eine Stufe mit denen, die dies viel professioneller tun? Ich denke Kursleiter wäre eine bessere Bezeichnung.


Allerdings muss man auch sagen, dass im Grunde die wenigsten international arbeitenden Lehrer eine (wie oben beschriebene) Ausbildung durchlaufen haben. Dafür verfügen sie aber oft über eine fundierte langjährige Karriere als Tänzer und Workshopleiter auf vielen Kongressen sowie besondere Begabung und oft auch einen speziellen Hintergrund.

Bersy Cortez hat mir mal erzählt, dass sie bereits mit 9 Jahren nach der Schule jeden Tag 2 Stunden Tanzunterricht hatte, als sie 11 war, waren es bereits 4. Mit 15 war sie dann durch hartes Training und vielen vorherigen Wettbewerben erstmals venezolanische Jugendmeistern. Von da an hat sie kontinuierlich mit den Großen der Salsawelt weiter gelernt, was sie letztlich zu einer der international bekanntesten Figuren des Salsa gemacht hat.

 Bersy Cortez

 

Anforderungen an Salsa-Tanzlehrer:

  • Langjährige Kursleitertätigkeit
  • Eigene dauerhafte Teilnahme an hochkarätigen Tanzkursen, um aktuelle Entwicklungen mitzubekommen
  • Beherrschen von mehreren Tänzen und innerhalb dieser der wichtigsten Stile (Salsa auf Linie, Cuban, Rueda, lokale Salsavariationen Südamerikas - z.B. Puerto Rican Salsa usw.)
  • Salsa on2 (beide Variationen) und on1
  • Generell gutes Körpergefühl und hohe Beweglichkeit.
  • Salsamusik jederzeit interpretieren können.
  • Wissen um die Hintergründe und die Entwicklung des Salsa
  • Kennen der Afro-Cubuanischen Wurzeln und Beherrschen von u.a. Rumba, Guaganco, Son
  • Verbindungen zu Cha Cha, Son und anderen Tänzen aufzeigen können und verstehen.
  • Kennen von Pachanga, Boogalo, Changui
  • Beherrschen von Pasos Libres.
  • Eigene Figuren und Bewegungen entwickeln oder Bekanntes verändern.
  • Cubanische und latainamerikanische Rhythmen kennen und sie den einzelnen Tänzen zuordnen können.
  • Taktsicherheit in jeder Lage, auch bei nicht 4/4-Takten (Volkstänze sind oft im 6/8-Takt!)
  • Zur Improvisation fähig sein.
  • Schnell von anderen Tänzern Schritte und Bewegungen zu erlernen
  • Gelegentlich Auftritte zu haben - sowohl eigene als auch mit Schülern.
  • dauerhafte Weiterbildung
  • uvm

Die Anforderungen sind hoch, wie bei jeder künstlerischen Tätigkeit! Die Liste kann sicherlich noch fortgesetzt werden. Ich freu mich da auch auf Euer Feedback.

Trotzdem möchte ich zum Schluss eines noch erwähnen:  Im Zen sagt man, dass man von jedem Menschen etwas lernen kann. Insofern hat jeder das Recht zu unterrichten, aber bitte hinterfragt auch mal hin und wieder, was ihr da genau tut!

Bersy Cortez

Leserfeedback

Aus dem Feedback der bisherigen Leser möchte ich noch einige Aspekte aufgreifen und noch kurz ausführen (Danke an Melanie Nitsch, Armin Cortez und Vicky Legaki für den netten Austausch!):

  • Ein Tanzlehrer muss nicht der beste Tänzer sein, wichtig sind auch seine Methodik und Didaktik sowie ein Gefühl dafür, wie man eine Figurensequenz zerlegt und dann erklärt. (Melanie Nitsch)
    Dazu eine Erfahrung von mir (Salsainfo) am Rande:
    Durch meinen Youtubekanal mache ich oft die Erfahrung, dass gute Tänzer und Tanzlehrer nie ein Problem mit der Veröffentlichung bei Youtube haben, sondern es eher aus Werbungssicht immer begrüßen, wenn ich sie veröffentliche. Denn ein guter Lehrer weiß, dass ein Youtubevideo den Unterricht nicht ersetzen kann und eben genau die Fähigkeiten des Lehrers (wie Didaktik und Methodik) im Video keine Rolle spielen. Somit haben sie auch keine Angst, dass trotz der Videos niemand mehr ihre Kurse besuchen wird.

  • Wie kann man also das Lehren lernen? Wenn man nun schon mehrere Jahre Erfahrung hat, viele Kurse und Kongress-Workshops besucht hat, sich zu den Hintergründen des Tanzes kundig gemacht hat und nun unterrichten möchte, so sollte man wissen, dass man am Beginn eines neuen Weges ist. Man muss von nun an viel der eigenen Handlungen in Frage stellen. Die langfristige Bindung an einen erfahrenen Lehrer und vor allem die genau Analyse des eigenen Unterrichts hilft dabei viel. Auch eine gelegentliche externe Begutachtung und Analyse des eigenen Unterrichts (Supervision) wird sehr viel bringen. Dazu auch das ehrliche Feedback der Tanzschüler (da muss man manchmal stark sein, denn negative Kritik hört keiner gern, aber es ist ja nicht persönlich gemeint, sondern soll den eigenen Unterricht verbessern). (nach Melanie Nitsch)

  • Man muss übrigens kein Naturtalent sein, um zu unterrichten, vieles kann man auch dazulernen. Von der Persönlichkeit her sind meiner Meinung nach vor allem wichtig, zu akzeptieren, dass es ein langwieriger Prozess ist und man sollte zusätzlich auch sehr empathisch und analytisch sein. Es ist wichtig die Schüler gut zu beobachten und die Ursache von Fehlern richtig erkennen sowie sie nicht zu überfordern. (nach Melanie Nitsch)

  • "Das Tanzen ist Nahrung für die Seele, die Auswirkungen sind auch über den Körper zu erkennen. Ein lächelndes Gesicht, die Leichtigkeit trotz schwitzenden Tanzrunden, die Geselligkeit, der freundlichen Kontakt, das gemeinsame Engagement, der Austausch, die Absprachen wann sind die nächsten Veranstaltungen und wo könnte man sich wieder sehen. Wunderbare gelebte, lebendige Erfahrungen, wohl gemeint, unkompliziert für ein angenehmes, spannendes, freudebringendes Wiedersehen. Wie viel Relevanz sollte man an die Ausbildung des Tanzlehrers beimessen?" (von Tanzkultur Vicky Legaki)

  • "Grade in der Provinz ist ein halbguter Freizeitlehrer besser als gar keine Kurse. Er sollte halt bescheiden sein und bleiben. Eine Kleinstadt wird kaum regelmäßig die ~6000€ aufbringen verdienen, die es braucht um einen ausgebildeten Vollzeittanzlehrer zu ernähren (Saal, Steuern, Gema, usw.). Berücksichtigt man die Altersvorsorge, dann liegt der Betrag sogar noch höher.
    Dazu kommt, das die meisten Tanzlehrer mit 45-50 oft "raus" sind, wenn sie bis dahin keine gut laufende eigene Schule haben." (Armin Cortez, Salsa und Bachata in Regensburg).

  • Zu den lateinamerikanischen Rhythmen hat Wikipedia eine (unvollständige) Übersicht: Lateinamerikanische Musik

 

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